Zwischen Meer und Vulkanen (von J. und E. K., Bochum)
Chile – unbekanntes Land hinter’m Zaun
Chile zu besuchen war ein Jugendtraum; er hatte sich bisher nicht erfüllt. Aber nach einem Besuch unseres Sohnes in Santiago zur Hochzeit seines Freundes vor zwei Jahren ist er neu erwacht; nun waren wir dort, vier Wochen, alles selbst via Internet vorbereitet. Rechtzeitig hatten wir nur preiswerte Flüge (DUS-SCL-DUS und SCL-CAL-SCL) gebucht, Hotels in Flughafennähe und Mietwagen für drei Wochen von-bis Santiago und vier Tage von-bis Calama. Alles übrige wurde vor Ort arrangiert. Es war wirklich traumhaft, ein tolles Erlebnis.
Sommerferien gehen in Chile Mitte Februar zu Ende, dann wird es Herbst auf der südlichen Halbkugel. Deshalb hatten wir unseren Besuch von Süd nach Nord geplant, sind sofort bis zum Süd-Ende der Insel Chiloé gefahren, um von dort aus nördlich nach Santiago zurück zu "trödeln". Danach ging’s per Flug in den trockenen Norden und später über Santiago wieder nach Deutschland zurück.
Kaum jemand, den wir kennen, kennt Chile. Es liegt weit entfernt und macht wenig Schlagzeilen. Die politische Lage wurde früher heftig diskutiert (Allende/Pinochet, Strauß/Colonia Dignidad), heute geht es bestenfalls um Vulkanausbrüche und Weinimporte. Aber es gibt feste Beziehungen in beiden Richtungen, doch nach unserer Erfahrung beschränkt auf bestimmte Gruppen - ganz anders als z.B. wie bei den USA, bei denen doch fast jeder etwas beitragen kann. Wir waren immer wieder überrascht, wie viele Erfahrungsberichte hier und dort in Deutsch verfügbar sind, wie viele Deutsche dort leben.
Das Land ist fast 5.000 km lang, doch schmal zwischen den Anden und dem Pazifik eingeklemmt. Wir haben nur den nördlichen Süden, einen Teil der Mitte und einen kleinen Teil der Salzwüste im Norden im Mietwagen (Opel Corsa und Nissan) besucht. Im Zick-Zack-Kurs zwischen See und Bergen, rechts und links der RUTA 5 (Panamericana), sind wir nördlich gereist. Dabei fährt man in wenigen Stunden von 0 NN auf 3.300 NN und mehr, meist auf sehr guten Straßen, aber auch mal in Sand und Schotter. Uns hat das Wetter verwöhnt, Regen gab es kaum und wir hatten fast immer gute Sicht.
Abgesehen von der Wüste Atacama liegt ganz Chile "hinter’m Zaun". An jeder noch so kleinen Straße laufen auf beiden Seiten endlose Stacheldraht-Barrieren, die nur von den unwahrscheinlich üppigen Brombeer- und Hagebuttenhecken (beide aus Europa "ein"gewildert) aufgelockert werden. Rasten am Straßenrand ist nicht möglich, denn nur Einfahrten unterbrechen die Zäune. Dafür kann man an Autobahnen halten, einkaufen und sogar alkoholische Getränke konsumieren, manchmal auf parallel laufenden Service-Straßen, oft direkt am Highway. Dort verkehren auch Linienbusse, mit z.T. eigenen Haltestellen; Fahrradfahrer und Fußgänger kreuzen und nutzen die Fahrbahnen auch. Mautgebühren sind hoch.Die Chilenen sind das freundlichste Gastgebervolk, das wir kennen. Nie haben wir Ablehnung oder böse Laune gespürt und immer wurden wir nett und höflich behandelt. Allerdings hilft Spanisch, wenn es auch dort als fast eigene Sprache und sehr schnell gesprochen wird. Englisch nützt, aber eben nicht überall; in größeren Städten und internationalen Herbergen reicht es, aber auf dem Land wird’s problematisch. Erstaunlich ist, dass manche auch in dritter Generation noch sehr gut Deutsch sprechen, andere aber schon nach wenigen Jahren damit Probleme zu haben scheinen.
Drei Wellen deutscher Auswanderer hat es gegeben. Die erste half am Ende des 19. Jahrhunderts Chile aufzubauen, von ihr stammen heute große Namen in Stadt und Land, in Industrie, Wirtschaft und Politik. Die zweite Welle nach 1945 hat wenig guten Eindruck gemacht, davon spricht man nicht. Eine dritte Welle läuft noch jetzt, junge Deutsche (auch Schweizer und Österreicher), die lieber in Chile leben und ihre Pläne eines einfacheren Lebens dort mit chilenischen Partnern/innen verwirklichen, oft im Tourismus-Geschäft, vereinfacht durch eine tolerante Einwanderungspolitik.
Eines aber haben wir im Lande nicht angetroffen, frei lebende und/oder "wilde" Tiere. Es soll irgendwo Pumas geben, es soll.... Selbst gesehen habe wir natürlich Kühe auf der Weide, viele Pferde, auch unter dem Sattel, und jede Menge Hunde. Wir waren überwältigt von der Vielzahl streunender Hunde, vor allem in den Städten. Sie liegen, laufen, bellen und fressen aus Müllsäcken überall und zu jeder Tageszeit. Nicht herauszufinden, wem sie "gehören", warum sie unkontrolliert überall herumwühlen. Allerdings sind sie friedlich, Probleme hatten wir mit ihnen nie. Einmal haben wir frühmorgens Lamas (oder Guanacos?) gesehen, wir glaubten an Game-Farming, wollten sie später aufsuchen, aber es waren doch frei lebende, die nur an einer ehemaligen Brunnenanlage geäst hatten. Vögel, Seelöwen und Pinguine gibt es zu bestaunen. Auch Fischmärkte (z.B. in Valdivia) sollen nicht vergessen werden. Dort findet sich alles, was das Meer hergibt, in großen Mengen, frisch und sehr ansprechend angeboten. Der Humboldt-Strom sorgt für guten Fischfang, und Fisch- und Muschelzucht sind ein wichtiger Wirtschaftszweig, so hat z.B. Chile Norwegen in der Lachsproduktion schon überflügelt. In vielen Buchten sieht man Muschelbänke, Grundlage für die lokale Wirtschaft.
Wir haben uns oft und viel von Fisch ernährt. Dabei bekamen wir manchmal Portionen, die bei uns einer ganzen Familie hätten reichen können. Chilenen essen furchtbar gern und offensichtlich auch viel. Man sieht das im Straßenbild, schlanke Menschen sind eher selten, sie fallen auf. Das scheint durch alle Schichten zu gehen; allerdings ist der Anteil der Schlanken bei Jugendlichen eher noch geringer als bei Älteren. Fleisch gibt es natürlich auch und die Nähe zu Argentinien hat deutlichen Einfluss auf die Größe der Steaks. Da die Essenspreise unter denen bei uns liegen, konnten wir uns also, ohne darben zu müssen, abwechslungsreich und ausreichend ernähren.
Aber was wäre Essen ohne Trinken. Das beginnt natürlich schon beim "Pisco Sour", einer gefährlich süffigen Spezialität im Lande, einem individuell frisch zubereiteten Gemisch aus Tresterschnaps, Zitronen/Limettensaft, Zucker und Eiweiß, manchmal verfeinert mit neuen Geschmacksrichtungen wie Mango oder Maracuja, mit oder ohne Zuckerrand, nie enttäuschend. Und natürlich der chilenischer Wein. Es ist fast unmöglich, die Vielfalt des Angebotes zu beschreiben, obwohl es sich nur um wenige Rebsorten handelt. Es verwirren die Anzahl der Weingüter, der Flächen, der Lagen und Herkünfte. Eine Besonderheit ist die rote Carmenère-Rebe, ursprünglich aus Frankreich, die dort selbst gar nicht mehr vorkommt, in Chile aber mit bestem Ergebnis angebaut wird. Wir sind diesem Wein treu geblieben.Weinbau in Chile ist – auch durch ALDI und andere – bei uns zu einem Begriff geworden. Weniger können wir uns vorstellen, dass dort auch Weizen und andere Getreidearten in endlosen Flächen angebaut werden, Gemüse aller Art produziert und vermarktet wird. Wir haben, erstmalig im Leben, Lastwagenkolonnen mit reifen, lose verladenen Tomaten gesehen, deren Ladung den Straßenrand farblich auflockerten. Apfelplantagen, endlose Wein"berge" (im Flachland), Blumenfelder und, und, und... Je nach Klima und Anbaugebiet (sehr unterschiedlich wegen der Landes-Länge und seiner Landschaftsarten) finden sich fast alle uns bekannten Kulturpflanzen und viele mehr. Und was nicht im Lande selbst wächst, kommt über die Berge aus Brasilien oder Argentinien.
Natürlich gibt es auch die entsprechende Viehwirtschaft, und besonders in den Teilen, die von den ersten Deutschen besiedelt wurden, sie sind der "Heimat" sehr ähnlich. Chile reicht etwa von 18° südlicher Breite (im Norden) bis zu 60° (im Süden). Das entspräche – umgedreht auf die Nordhalbkugel - einer Länge von Khartum/Sudan (im Süden) bis nach Oslo/Norwegen (im Norden). Allerdings sind die klimatischen Unterschiede wegen Humboldt- und Golfstrom nicht vergleichbar.
Tourismus ist ein umfangreiches Geschäft, auch wenn es an "klassischen" Objekten mangelt. Es gibt kaum nennenswerte archäologische Ruinen, nur einige alte Kirchen, überhaupt wenig "Altes", denn was nicht Feuer zerstört haben, ging bei Erdbeben zu Bruch. Aber die Landschaft macht vieles wett. Üppige Wälder, zauberhafte Seen, herrliche Landschaften, eindrucksvolle Vulkane, trockene Wüsten mit Salzseen, aber auch Steppen, Strände und Inseln ziehen an. Wir haben besonders einen Teil der berühmten Holzkirchen auf Chiloé besucht, wahre Meisterwerke der Baukunst, von einfachen Handwerkern beeindruckend ausgeführt. Wir waren natürlich auch am Meer, besuchten dort eine der nördlichsten Pinguin-Kolonien, fuhren in die Berge zu Thermalbädern und abgelegenen Seen, haben Wasserfälle an Vulkanhängen erwandert, heilige Steine der Mapuche in 2.000 Höhe besucht (7 Stunden gewandert) und sind mit Bus und Boot herumgefahren – alles wie es sich anbietet. Natürlich waren wir auch bei den Flamingos in der Salzwüste, sind durchs Mond-Tal am Abend gewandert, auf die Große Düne, und haben die verschiedenen Oasen in der Atacama Wüste besucht, kleine Orte mit viel Staub, aber einem uralten Bewässerungssystem, das dort Obst (z.B. Feigen) und Gemüse wachsen lässt.
Und wir fuhren auch in die Berge; die Anden sind eine eigene Erfahrung. In Süden gibt es verschiedene "Pass-Straßen" nach Argentinien. Wir hatten dabei an andere Höhen gedacht und stellten fest, dass man hier schon in wenigen Höhenmetern zwischen den Vulkanen über die Grenze fahren kann. Das ändert sich in Mittelchile und der spektakulärste Pass mit toll ausgebauter Strasse führt nördlich von Santiago in über 3.000 Metern am Aconcagua vorbei ins Nachbarland, die höchste Stelle wird von einem Tunnel unterwandert. Richtig hoch wird es aber noch weiter im Norden, denn bei San Pedro de Atacama kann man locker in 4.500 Metern die Anden überqueren (wenn man kann). Und überall grüßen Vulkane, manche ruhig andere rauchend. 9.000 Jahre Ruhe sind aber noch lange keine Sicherheits-Garantie.
Im Norden haben wir "Geschichte" erlebt. In der Mitte und im Süden ist aus vor-kolumbianischer Zeit nichts erhalten (es hat nichts "Haltbares" gegeben), Hier aber finden sich in der trockenen Wüste eindrucksvolle Ruinen der Urvölker, sogar noch aus Zeiten vor dem Einfluss der Inka. Ein Museum in San Pedro de Atacama macht das sehr anschaulich. Mumien werden allerdings, wie auch in den USA, aus Gründen der Pietät nicht länger ausgestellt. Überall ist natürlich das Erbe der Spanier, der Jesuiten, zu finden, oftmals restauriert. Beeindruckend sind dabei auch hier die Kirchen, ihre Größe und Ausstattung. Je weiter von Städten entfernt, desto genialer die Bauarten, Lehm und Kaktusholz für einfachste, sehr schöne und harmonische Formen. Vom "Königreich der Mapuche", in dem sich ein Franzose im 19. Jahrhundert selbst krönte, ist nichts übrig.Viele interessante Menschen haben wir getroffen. Auf einem Inlandflug einen Chilenen, der weder englisch noch deutsch spricht, aber alle Einzelheiten zur Schwebebahn in Wuppertal, inkl. Unfall mit dem Elefanten, kannte. Margot, eine echte Mapuche, die in Wien als Pferdepflegerin gearbeitet hatte, oder Hans-Helmut, mit dem ich einen gemeinsamen x-fach Urgroßvater habe. Bei der Apfelernte im Andental lernten wir "... ich bin der Hans ..." kennen, der zusammen mit Reinhold Messner und seinem Bruder im Himalaja geklettert ist, oder später die gärtnerisch begabte Hostel-Wirtin, deren Schwester Kultur-Referentin in Bochum war. Dies nur als kleine Auswahl.
Eines muss noch erwähnt werden – Chilenen sind echte Technik-Freaks. Überall werden alte Maschinen gesammelt und ausgestellt, aber auch wieder-verwendet. In Peulla heizt eine alte Dampfmaschine den Speisesaal des Hotel, die MI-Lodge verwendet ein ähnliches Modell für ihren Whirl-Pool, sodass auch im Winter dort gebadet werden kann. Die Schrägaufzüge in Valparaiso sind Legende, der älteste (> 100 Jahre) versieht seinen Dienst problemlos, wenn auch z. Zt. ein Teil seiner "Kollegen" repariert wird. Alte Autos sieht man dagegen kaum, von einigen gepflegten Oldtimern abgesehen. Und jeder Chilene scheint mindestens ein Handy zu haben, das hat er für alle sichtbar ständig in Benutzung. Internet ist Standard.
Fast 6.000 km auf Chiles Strassen, in vier Wochen von Chiloé bis zur Atacama Wüste, vom Meer bis hoch in die Anden, bei gutem Essen und Trinken – es hat sich gelohnt. Nachts haben wir in einfachen Plätzen gewohnt, von der Cabana über Hostel und Hosteria bis zu guten Hotels der Mittelklasse. Dazu finden sich überall Empfehlungen und Unterlagen. Erhaltene Ratschläge haben sich immer als günstig erwiesen. Nur einmal hatten wir Pech; was im Internet als Hostal-Empfehlung gut klang, war vor Ort nicht gut. ... Wären wir jünger und läge Chile näher als fast 24 Stunden Reisezeit – wer weiß?
J. und E. K., Bochum, im März 2009











